Mittwoch, 14. Oktober 2020
Deutscher Buchpreis 2020

Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2020 ist Anne Weber mit ihrem Roman "Annette, ein Heldinnenepos". Und ein Heldinnenepos ist das Werk auch in der Form, denn die Autorin hat sich dafür an den alten Epen in lyrischem Ton und - wenn auch absolut freier - Versgestaltung orientiert.

Foto: Heike Huslage-Koch / CC BY-SA

Sie erzählt darin die Lebensgeschichte von Anne Beaumanoir, 1923 geboren, Résistance-Kämpferin, Neurophysiologin, engagiert für die FLN im Algerienkrieg, um nur einige Stationen zu nennen. "Zum Schönsten an diesem Buch gehört auch der scharfe und zugleich stets differenzierte Blick auf die Geschichte, der sich nie in politisch-moralischem Besserwissen ergeht", lobt die Süddeutsche. Auf die Rezensionen der FAZ und von Deutschlandfunk Kultur wurde bereits im Artikel über die Shortlist hingewiesen. Die Zeit spricht von nichts weniger als
"einem literarischen Ereignis". Wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon einen Buchkauf wert. Ein Video zur Preisverleihung findet sich auf der Seite des Deutschen Buchpreises.

Sehr lustig übrigens der Verweis im Internetauftritt des herausgebenden Verlags Matthes & Seitz:

Anscheinend war das Vertrauen in den Roman nicht so groß, dass man genug drucken wollte. War ja auch nur auf der Shortlist.





Donnerstag, 8. Oktober 2020
Literatur-Nobelpreis 2020

Louise Glück erhält den Literaturnobelpreis 2020. Die deutschsprachige wikipedia kennt sie nicht, die englischsprachige bietet immerhin ein Foto von 1977. Die deutschen Redaktionen eiern rum und weichen in Blabla über die letzten Skandale des Literatur-Nobelpreis-Komitees aus, sodass man vorerst nur soviel erfährt:

Sie ist 1943 geboren, US-Bürgerin, schreibt Essays und Lyrik und hat jetzt ne knappe Mille mehr auf dem Konto. Ihre Texte beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Mensch und Natur. In Deutschland gibt es von ihr zwei Gedichtbände - "Wilde Iris" und "Averno", beide im Verlag "Derzeit nicht verfügbar". 1993 erhielt sie den Pulitzer-Preis, 2014 den National Book Award. 2015 verlieh ihr Obama die National Humanities Medal. Demnächst mehr.

Update 15.10.2020: Den wikipedia-Artikel gibt es jetzt auf deutsch!

Die Zeit hat sich inzwischen auch informiert und bietet sogar ein kleines Video rund um Autorin und Preisverleihung. Während in der Süddeutschen unter dem Titel "Kitschalarm, Stufe: Rot" gemäkelt wird: "Hätte es nicht stärkere Dichterinnen und Dichter gegeben?" Naja, okaaaaaay, wir denken uns bei der Lektüre des Blattes ja auch nicht selten: "Hätte es nicht eine sorgfältigere Recherche und eine gewissenhaftere Trennung von Information und Meinung geben sollen?" Und die nzz schwurbelt: "An dieser Schwelle zwischen Tod und Leben, die emblematisch für alle Übergänge des Daseins steht, entfalten die Gedichte ihre innere Spannung, indem sie die Zerrissenheit der Existenz nach allen Richtungen ausleuchten."

Warum erfährt man so wenig über diese Frau? Warum müssen immer die Bilder im Arm von Obama Informationen über ihr Schreiben ersetzen? Es hilft ein Blick nach Amazonien. Da gibt's weit und breit nix bis November 2020 auf Deutsch, außer man ist bereit für "Wilde Iris" 298 Tacken zu investieren. Glaubense nich?

Aber wahrscheinlich kann man nicht einmal mit nobelpreiswürdiger Lyrik einen schnellen Rubel machen.





Freitag, 25. September 2020
Christina Dalcher. Vox.

Susanne empfiehlt "Christina Dalcher. Vox." Die Unterdrückung der Frauen geht hier so weit, dass ihnen nur noch 100 Worte pro Tag erlaubt sind.

Eine Leseprobe gibt es direkt beim Fischer Verlag.

Cover-Foto mit Erlaubnis des S. Fischer Verlags

"In Vox erscheint kaum etwas plausibel", meckert die Zeit und unterstellt sogar plagiierende Anleihen bei Atwoods "Report der Magd". "Viel „Inspiration“ – aber nichts inspiriert Dalcher zu etwas Neuem, wirklich Originellem", ätzt ungewohnt scharf deutschlandfunkkultur und empfiehlt den Roman den Leserinnen von Ildiko von Kürthy oder Hera Lind. Da muss der Spiegel natürlich noch einen draufsetzen und titelt gleich "Heilige Scheiße". Findet sich denn nirgends Rittersmann oder Knapp, der 's wagt zu schlauchen in diesen Tund? Anscheinend nicht. Auch die taz, die den Roman in einem Artikel über feministische Belletristik aufführt, bescheinigt ihm allenfalls "Megamassentauglichkeit". Hmmmm, was nun? Vielleicht kommt ja bald der Gegenentwurf von Mario Barth: Der Roman über Männer, die gezwungen werden, mehr als 100 Worte am Tag zu sprechen.





Mittwoch, 23. September 2020
Emma Becker "La Maison"

Zu heiß und erotisch? Yvonne warnt vor "La Maison" von Emma Becker.

Cover-Foto mit Erlaubnis des Rowohlt-Verlags

Wer sich nicht die Finger verbrennen will, kann erstmal die Leseprobe auf der Verlagsseite als pdf downloaden.

Dies "ist ein besonderes Buch, und es zu lesen ist ein seltenes Glück", schwärmt der ndr. Becker hat zwei Jahre in einem Bordell gearbeitet, ein Selbstversuch. deutschlandfunkkultur liefert Biographisches und weiterführende Links zum Thema Prostitution. Der Spiegel weiß, wie es zum Roman kam: "Die verklemmte Atmosphäre im Gymnasium nervte und provozierte sie."

Jesusundmaria! Das soll genügen. Kaum eine Kulturseite, die sich nicht auf das Werk stürzt. Jetzt warten wir auf den Roman der Prostituierten, die sich in einem Selbstversuch für zwei Jahre an ein Gymnasium begibt. Tenor: "Die verklemmte Atmosphäre im Puff nervte und provozierte mich."





Sonntag, 20. September 2020
Shortlist zum Deutschen Buchpreis

Auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2020 (pressefoto zu shortlist 2020 (jpg, 8,192 KB) ) weist Miri hin:

Foto mit Erlaubnis der Stiftung Buchkultur und Leseförderung
des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

Leseproben gibt es in einem kleinen Band, der in vielen Buchhandlungen kostenlos aufliegt. Eine Pressemitteilung weist auf Hörbeispiele und Hörbücher hin:

Hörproben der 20 Longlist-Titel sind abrufbar beim Podcast-Radio detektor.fm, online unter www.detektor.fm/deutscher-buchpreis und über die detektor.fm-App.
Seit dem 18. August präsentiert detektor.fm von Montag bis Freitag ab 11.30 Uhr und ab 16.30 Uhr jeweils einen nominierten Titel im moderierten Livestream. Die Hörproben zum Deutschen Buchpreis gibt es auch als Podcast. Auf den Plattformen Apple Podcasts, Google Podcasts, Deezer und Spotify sind alle Audios direkt zu hören.
Zum ersten Mal stellt zudem der Podcast www.papierstaupodcast.de die 20 nominierten Titel vor. Das Podcast-Team bespricht die Romane ab dem 26. August 2020 in insgesamt sechs Terminen. Der Deutsche Buchpreis teilt Folgen des Podcasts über seine Social-Media-Kanäle.
Zu einigen nominierten Romane sind bereits Hörbücher erschienen – welche Titel das sind, ist abrufbar unter:
www.deutscher-buchpreis.de/news/eintrag/den-deutschen-buchpreis-im-ohr.

Außerdem werden die Longlist-Autor*innen mit Leseproben auf der Buchpreis-Seite in Videos vorgestellt. Die Preisverleihung ist am 12. Oktober live auf der Seite des Deutschen Buchpreises oder auf F...book zu sehen.

Bov Bjergs "Serpentinen" besprechen Zeit, deutschlandfunk oder faz. Mit Dorothee Elmigers "Aus der Zuckerfabrik" beschäftigt sich die SZ und der mdr. Der "Herzfaden" von Thomas Hettche wird von der Zeit oder auch von deutschlandfunkkultur weitergesponnen. Um Denis Ohdes "Streulicht" bemüht sich der Spiegel und die taz. Anne Webers "Annette, ein Heldinnenepos" rezensieren deutschlandfunkkultur und faz. Und zu Christine Wunnikes "Die Dame mit der bemalten Hand" äußern sich rbb-online und die SZ.





Sonntag, 6. September 2020
Nachgeholt

Kaum ist man ein paar Tage weg, geht es auf "bookworms" rund. Miri weist auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 hin. Annette empfiehlt Jocelyne Saucier "Ein Leben mehr", den die SZ ein "Signalfeuer der Freiheit" nennt. Und Yvonne kennt endlich "Normal People", wenn auch nur aus der 12-teiligen Serie, die uns der mdr als "Juwel" und "beste Serie des Jahres" ans Herz legt (in Deutschland auf StarzPlay oder bestellen bei Du-weißt-schon-wer).





Donnerstag, 13. August 2020
Hinweis zu Lesetipp

Die SZ bringt heute eine Rezension zu Deepa Anapparas Roman "Die Detektive vom Bhoot-Basar", der auf der Vorschlagsliste zum 43. Treffen stand. Der Roman erziele "seinen verstörenden Effekt mit ästhetischen Mitteln, indem er dem Leser diese brutale Welt so zeigt, wie ein Kind sie wahrnimmt. Das, was eigentlich geschieht, entsteht im Kopf des Lesers - und bleibt dort noch lange nach dem Ende dieser Geschichte."

Cover mit Erlaubnis der Rowohlt-Verlage

Der Spiegel lobt, Anappara ringe "der im Kern tragischen Geschichte durch Jais kindlich-naiven und gleichzeitig naseweisen Erzählstil eine enorme Unmittelbarkeit und sogar eine komische Dimension ab, ohne allerdings eine Feelgood-Story daraus zu machen".





Freitag, 31. Juli 2020
Roman zum 43. Treffen

Mit weitem Abstand gewählt wurde "Heimkehren" von Yaa Gyasi. Interviews mit ihr bringen die taz und der Spiegel. Auf Youtube kann man sich die Autorin mit Kommentaren zu ihrem Roman ansehen.

Gyasi-Heimkehren
Cover: Dumont

Die SZ widmet ihr keinen großen Beitrag, reiht sie aber unter "Autorinnen und Autoren des afroamerikanischen literarischen Erbes, die selbst längst Statuen verdient hätten" ein. Hier findet man einige weitere Titel zur Rassismus-Debatte.

Das ist eigentlich alles verdammt wenig für einen Roman, der schon 2017 erschien. Der Deutschlandfunk immerhin stellte in diesem Jahr fest: "„Heimkehren“ ist ein tief beeindruckendes und gleichzeitig federleichtes Stück Literatur geworden." Hart ins Gericht geht dagegen der "New Yorker": "Too often, however, Gyasi struggles to make the linked-story form suit her epic enterprise" ist dabei nicht die uncharmanteste Kritik. Die "Washington Post" hält dagegen: "Gyasi has found several of those suppressed people and given them voices that are truly captivating."